Mein Prodigy-Konzert

Von Fatboy Slim habe ich ein Interview in Erinnerung, das vor langer Zeit geführt wurde. Der Journalist fragte: „Stimmt es, dass sie den Soundtrack für die Generation X erfunden haben?“ Slim antwortete entwaffnend: „Ich habe nur Musik für Leute gemacht, die dem Rausch verfallen wollten.“

Fatboy Slim habe ich nicht live gesehen. Dafür aber The Prodigy auf dem Festimad-Festival in Madrid.

2005 war das, im Sommer. Die Bühne stand auf einem staubigen, öden Hügel und drohte zeitweise wegen des starken Windes umzufallen. Als die Veranstalter schließlich die Struktur sicherten und die Konzerte tief in der Nacht wieder freigaben, hatten einige randalierende Gruppen aus Wut die Zelte der Sponsoren abgefackelt.  Niemand war eingeschritten, die Organisatoren mussten ja die Bühne fixen.

Lange nach Mitternacht kam schließlich Prodigy auf die Rampe. Es war der letzte Act. Alles entlud sich mit einem Schlag, man spürte dass alle Mitglieder der Band genauso genervt waren von dem Warten wie das Publikum. Die vier Briten wandelten diese negative Energie in ein gigantisches Spektakel um. Sie gaben alles. Im Lichte der Schweinwerfer wüteten sie wie entfesselte Raubtiere. Und wir im Publikum rockten mit, umhüllt von einer Wolke aus Staub und Haschischrauch. Zum Ende ihres Auftritts stieg hinter Prodigy, die auf dem staubigen Hügel die letzten Takte runter bretterten, langsam die Sonne auf.

Für The Prodigy trifft wohl mit Blick auf die Eingangsfrage beides zu: Sie haben den Soundtrack für uns Jugendliche der 1990er Jahre aufgelegt und dadurch den Rausch – für viele den ersten – überhaupt möglich gemacht.

An all das musste ich heute denken, als ich vom Tod von Keith Flint las.

RIP, Keith.

 

 

 

 

 
 
 
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The news is true , I can’t believe I’m saying this but our brother Keith took his own life over the weekend , I’m shell shocked , fuckin angry , confused and heart broken ….. r.i.p brother Liam #theprodigy

 

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Die Beatles und der Brexit

In der Frühe hörte ich im Radio, dass sich heute Beatles’ berühmtes Rooftop Concert zum 50. Mal jährt. Am 30. Januar 1969 kletterten die vier damals schon legendären Musiker auf das Dach der 3 Savile Row, im Londoner Stadtteil Mayfair, und hielten ein gut 40-minütiges Konzert ab. Dann bat die Polizei die Musik leiser zu stellen. Agenten der Metropolitan Police hatten das Ganze von der Nähe beobachtet, umgeben von zahlreichen Schaulustigen.

Ich bin kein großer Beatles-Fan. Vielleicht liegt das daran, dass ein Musiklehrer uns Schüler einst mit dem Klavier auf Ob-La-Di, Ob-La-Da einstimmen versuchte. Ich war in der Pubertät, alles nur halbwegs Ironische nahm ich nicht wahr, mein Zuhause war Metall und Grunge. Nach den zahlreichen Ob-La-Di-Versuchen fiel es mir jedenfalls lange schwer, George Harrisson, Paul McCartney & Co ernst zu nehmen.

Die Magie der Beatles habe ich trotzdem später entdeckt – als ich beispielsweise eine Contact Impro-Tanzgruppe zu Across the Universe performen sah. Oder als ich die Studios in der Abbey Road besuchte. Oder als ich in das Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band einttauchte. Ich verstand jedenfalls, dass der zu früh verstorbene Prince zu While my Guitar Genly Sweeps ein Solo hinlegte, als ob es kein Morgen gebe.

Warum ich das alles jetzt notiere? In Zeiten von Brexit & Gaga-Nachrichten aus dem britischen Parlament fällt es schwer sich vorzustellen, dass die Briten und ihre Künstler einst die ästhetisch-kulturelle Avantgarde bildeten. Noch in den 1990er-Jahren kleidete so mancher Teenager dank Oasis und Blur seine Zimmerwände mit der Union Jack oder hielt eine Handtasche in diesen Farben unter dem Arm. Ich brauche gerade viel Phantasie, um mir vorzustellen, dass so was in naher Zukunft wieder geschehen wird. Wie konnte es so weit kommen, frage ich mich oft. Ich bin sicher nicht der Einzige, der sich das fragt.

Fest steht nur: Die Beatles und andere fabelhafte britische Bands werden uns mit ihrer Magie weiterhin einhüllen. Darauf verlasse ich mich jetzt einfach mal.